Neue

Deutsch-Französische Jahrbücher

IN VORBEREITUNG FÜR HERBST 2022

Broschüre, 6 Seiten

SYLVAIN LAZARUS
CHRONOLOGIEN DER GEGENWART

Aus dem Französischen von Moritz Herrmann und Jan Philipp Weise

Was bedeutet Zeitgenossenschaft, wenn die Gegenwart politisch und subjektiv durch eine umfassende Zustimmung zum Staat gekennzeichnet ist? Was tun, wofür und wozu sich entscheiden, wenn es heute anscheinend keine »Politik vom Standpunkt der Leute« gibt oder sie sich nur vereinzelt, vorübergehend und ansatzweise auftut?

Nachdem sich im Zuge der 2000er Jahre die organisierte Form der Politik zumindest vorläufig geschlossen zu haben scheint, legt Sylvain Lazarus in diesen 2018 gehaltenen Vor trägen eine Bestimmung unserer politischen Gegenwart sowie dessen vor, was es bedarf, um dieser als solcher gegenüberzutreten. Dies schließt nicht nur eine Analyse der aktuellen Konjunktur und des gegenwärtigen Staates ein, sondern wirft vor allem die Frage nach der Subjektivität auf, wenn diese sich weder auf den unwirksam gewordenen Klassenantagonismus noch eine nichtstaatliche politische Organisation stützen kann. In Fortführung seiner These, das Subjektive sei ausgehend von sich selbst zu untersuchen, statt es von Anfang an in Bezug zu Objektivitäten zu setzen, lotet Lazarus die Möglichkeiten aus, unter denen sich jenseits politisch-staatlicher Organisationen ein Denken der Leute artikulieren kann, das dem Realen Rechnung trägt.

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Dieses Vorhaben wird auch von der Annahme getragen, dass weiterhin unklar ist, was dieser Beginn des 21. Jahrhunderts eröffnet und welche politischen Formen dieses hervorbringen wird. Ein nicht unerheblicher Teil der Herausforderung besteht daher auch darin, sich dieser Obskurität anzunehmen und den verwor renen Zeichen auf der Spur zu sein, die uns womöglich in diese neue Sequenz führen. Wie und in welchen Formen ist eine neue Politik vom Standpunkt der Leute und in Distanz zum Staat denkbar?

 

Sylvain Lazarus (*1943) praktiziert und experimentiert seit 1968 eine Politik vom Standpunkt der Leute, was auch das militante Engagement in zwei Organisation einschloss, der Union des Communistes de France marxiste-léniniste (1969-1985) und der Organisation politique (1985-2007). Darüber hinaus war er Professor für Anthropologie an der Université Paris VIII. Er hat 1996 die Anthropologie du nom (Anthropologie des Namens, Turia + Kant 2019) und 2013 L’Intelligence de la politique veröffentlicht.

Reihe: anders woanders suchen

erschienen im Januar 2022 bei La Fabrique : Chronologies du présent

12 x 18 cm

ca. 160 Seiten

ca. 26 Euro

Erscheinungstermin: 21. November 2022

ISBN: 978-3-949153-03-7

LOUIS ALTHUSSER
MARX IN SEINEN GRENZEN

Aus dem Französischen von Julien Veh und Jan Philipp Weise

Louis Althusser ist hierzulande vor allem für seine sogenannte epistemologische Marx-Lektüre in Für Marx und Das Kapital lesen bekannt, die rigoros zwischen einem idealistischen jungen und einem materialistischen reifen Marx unterscheidet. Dabei wurde jedoch kaum zur Kenntnis genommen, dass Althusser selbst seine philosophischen Arbeiten fast durchgängig auch als politische Interventionen innerhalb der Kommunistischen Partei verstand, der er den größten Teil seines Lebens angehörte. Sein Verhältnis zur Partei wurde allerdings im Laufe der 1970er Jahre immer spannungsvoller angesichts ihrer Unfähigkeit, eine Politik ausgehend von den neuen Massenbewegungen zu formulieren.

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Die Tatsache, dass es im Klassenkampf um den Staat geht, bedeutet keineswegs, dass die Politik sich über den Bezug zum Staat zu definieren hat.

Davon zeugen auch die hier versammelten Texte, die es unternehmen, die Ende der 1970er Jahre ausgerufene Krise des Marxismus auf dessen innere Grenzen zurückführen, um ausgehend davon neue politische Wege zu eröffnen: Der Marxismus verfügt weder über eine Theorie des Staates noch der Politik, die wir gerade dann in ihrer Eigenständigkeit denken müssen, wenn wir dem Staat-Werden der Partei in der Sowjetunion und jeder juridisch-ideologischen Reduktion der Politik etwas entgegensetzen wollen. Damit greift Althusser in die Diskussion ein, die Ende der 1970er Jahre unter Mitgliedern westeuropäischer Kommunistischer Parteien um die Frage nach der »Diktatur des Proletariats« entbrannte. In dem Abschied von der »Diktatur des Proletariats«, den die »eurokommunistischen « Parteien damals vollziehen, erkennt Althusser mitnichten deren Demokratisierungs- und Öffnungsbestreben. Statt einem Ende des Stalinismus bedeutet dieser Abschied eine Fortsetzung des Stalinismus mit anderen Mitteln, weil dadurch den politischen Initiativen der Massen eine Absage erteilt wird.
Im Kontext genau dieser politischen Auseinandersetzungen steht auch das Fragment gebliebene Werk Marx in seinen Grenzen, in dem er erneut Das Kapital und andere marxistische Klassiker liest, um ein anderes Denken von Ideologie, Partei, Staat und Politik zu entwickeln. Anstatt Marx, wie in Althussers kanonischen Werken, ideell vervollständigen zu wollen, stellt er damit die direkte Frage nach dessen Grenzen: Was an seinem Denken ist noch immer aktuell, was unverstanden und was ungedacht geblieben? Erst ein solcher Grenzgang des Marx’schen Denkens erlaubt, so Althusser, eine historische Bilanz des Marxismus zu ziehen, auf deren Grundlage die Politik neu entworfen werden könnte.

Louis Althusser (*1918-1990) lehrte 1948 bis 1980 an der École normale supérieure in Paris und gilt als einer der bedeutendsten Philosophen der französischen Nachkriegsphilosophie und wichtigsten Neuerer des westlichen Marxismus. Zu seinen Schülern zählen unter anderem Jacques Derrida, Michel Foucault, Pierre Macherey, Étienne Balibar, Jacques Rancière und Alain Badiou.
Als Mitglied der kommunistischen Partei Frankreichs seit 1948 verstand er seine philosophischen Arbeiten vorrangig als eine Form politischen Eingreifens in die Linie der Partei, die er nach jahrelangen Konflikten und der Erdrosselung seiner Frau Hélène Rytmann 1980 verließ und sich fortan als »Kommunist ohne Partei« begriff.

Reihe: anders woanders suchen

erschienen 1994 bei Stock, in: Écrits philosophiques et politiques: Marx dans ses limites

sowie 1998 bei Presses Universitaires de France, in: Solitude de Machiavel: Marxisme aujourd'hui

16 x 24 cm

ca. 200 Seiten

ca. 24 Euro

In Vorbereitung für November 2023

ISBN: 978-3-949153-05-1

JEAN-CLAUDE MILNER
HARRY POTTER UND DIE LEHRJAHRE DER POLITISCHEN PHILOSOPHIE

Aus dem Französischen von Moritz Herrmann

unter Mitarbeit von Ines Abrecht

Das, was man das Phänomen Harry Potter nennen kann, hat sich inzwischen generationenübergreifend konsolidiert. Während noch vor einigen Jahren Kinder ihren Eltern von den magischen Abenteuern Harry Potters erzählten, geben heute neue Eltern die Geschichte an ihre eigenen Kinder weiter. Doch worauf gründet sich die Faszination für genau diese Erzählung? Und noch wichtiger: Was wird in dieser Potter’schen Erzählung überhaupt vermittelt? Wenn sich weiterhin immer neue Zuschauerinnen und Leserinnnen mit dieser Erzählung und häufig sogar dank ihrer bilden, was für ein politisches Modell steht hinter dieser Bildung?

Jean-Claude Milner schlägt vor, das Werk von J. K. Rowling konsequent als einen Bildungsroman zu verstehen, der in der Tradition des europäischen Humanismus und der britischen politischen Philosophie zu verorten ist. Den Weg, den wir mit Harry Potter beschreiten, ist ein Bildungsweg, der sich mit Dumbledores Strategie einer humanistischen Politik der Toleranz überkreuzt, die in ihrer Radikalität mitunter an Unmenschlichkeit grenzt, jedoch letztlich darauf zielt, die magische Welt von der ihr innewohnenden Versuchung zu befreien, der Vorstellung ihrer eigenen Überlegenheit nachzugeben. Voldemort steht bekanntlich für genau solch eine Versuchung, die nicht ohne Anklänge an
die Politik und Geschichte des 20. Jahrhunderts bleibt.

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Darüber hinaus rückt die magische Welt den Kapitalismus in ein neues Licht. Die humanistische Referenz auf die Antike und insbesondere auf die Philosophie Platons dient hier also letztlich einer modernen Frage stellung: Wie der Macht entgegentreten, wenn diese sich als Wissensmacht gibt? Genügt dafür das britische Modell, die Lehre des Wissens mit einer Lehre der Toleranz zu verknüpfen?

Auch wenn sich die Filme aktuell nochmals um einige Episoden erweitern, erscheint die eigentliche Zeit der Entdeckung der Geschichte vorbei. Es ist nun an der Zeit zu begreifen, um was es sich bei der Potter’schen Erzählung handelt.

Jean-Claude Milner (*1941) ist in Frankreich zunächst vor allem als Linguist in Erscheinung getreten, der sowohl Jacques Lacan nahestand als auch das Werk von Noam Chomsky in die französische Diskussion eingeführt hat. Auf bauend auf eine eigenständige Verknüpfung von Psychoanalyse und Philosophie bezieht er darüber hinaus seit den 1990er Jahren mit zahlreichen Publi kationen zu politischen Fragen Stellung. Auf Deutsch erschienen bislang Die nicht zu unterscheidenden Namen, Das helle Werk sowie mit Alain Badiou: Kontroverse. Dialog über die Politik und die Philosophie unserer Zeit (allesamt 2013 bei Turia + Kant).

Reihe: hors-série

erschienen 2014 bei Presses Universitaires de France: Harry Potter. À l'école des sciences morales et politiques

12 x 18 cm

ca. 160 Seiten

ca. 19 Euro

Erscheinungstermin: 21. November 2022

ISBN: 978-3-949153-04-4

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