Neue

Deutsch-Französische Jahrbücher

L'une-bévue

Mit  einem aktuellen Interview

Aus dem Englischen von Lucas Pohl

unter Mitarbeit von Jan Philipp Weise

SLAVOJ ŽIŽEK
SCHRÄGSICHT
Lacan mit Populärkultur: Eine Einführung

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Žižek bietet uns so etwas wi e eine allgemeine Psychoanalyse an, eine Psychoanalyse, die über die Frage der Klinik hinausgeht und eine absolut allgemeine Psychoanalyse wird. Das ist das erste Mal, dass jemand vorgeschlagen hat, unsere ganze Welt auf die Couch zu legen.

Alain Badiou

In der hiesigen intellektuellen Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse ist der Name Jacques Lacan nach wie vor verrufen. Nicht selten wird er als einer der unverständlichsten, obskursten und politisch fragwürdigsten Denker denunziert, den der sogenannte Poststrukturalismus hervorgebracht hat. Mit Looking Awry liefert der Philosoph Slavoj Žižek zu Beginn der 1990er Jahre eine der vielleicht zugänglichsten Einführungen in die Lacan’sche Psychoanalyse, deren Plädoyer es ist, diese Karikatur Lacans ein für alle Mal hinter sich zu lassen. Indem er die zentralen Kategorien aus Lacans Seminaren und Schriften – von der Triade des Imaginären/Symbolischen/ Realen über den Gegensatz von Trieb und Begehren bis hin zum Objekt a – nicht direkt in Angriff nimmt, sondern »schräg« – aus Perspektive der zeitgenössischen Ideologie und Massenkultur – betrachtet, legt der Autor die radikalen Implikationen von Lacans Werk frei.

      

            So ist Žižek stilgebend für eine Lesart, die es erlaubt, die Lacan’sche Theorie über ihren klinischen Kontext hinaus auf jeden noch so erdenklichen Winkel unseres Alltagslebens zu übertragen, weshalb man versucht ist, darin eine zeitgenössische Neufassung von Freuds Psychopathologie des Alltagslebens zu sehen. Dabei wendet Žižek Lacans eigene Formel »Kant mit Sade« kurzerhand auf ihn selbst an: So wie Lacan die Kant’sche Ethik durch die Augen der Sade’schen Perversion gelesen hat, stößt man in diesem Buch auf eine ganze Reihe von »Lacan mit...«: über Alfred Hitchcock, Patricia Highsmith, Ruth Rendell, Stephen King und Franz Kafka bis hin zu Edgar Allan Poe, William Shakespeare und Sophokles. Nebst einem Gewaltmarsch durch antike Tragödien, Detektivgeschichten und allem voran die Populärkultur des 20. Jahrhunderts liefert Schrägsicht zudem eine Reihe von Lacan’schen Interpretationen des politischen Zeitgeistes der frühen 1990er Jahre, die eine teils unheimliche Aktualität bewahren, etwa in Bezug auf das Erstarken nationalistischer Ideologien in Europa oder die verheerenden Auswirkungen der Klimakrise.

            Žižek präsentiert uns also einen Lacan, den es sich auch heute noch – womöglich sogar mehr denn je – zu lesen lohnt.

Slavoj Žižek (*1949) ist Philosoph und derzeit internationaler Direktor des Birkbeck-Instituts für Geisteswissenschaften an der University of London, Professor für Philosophie und Psychoanalyse an der European Graduate School sowie Senior Researcher und Professor am Institut für Philosophie der Univerza v Ljubljani. Seine Arbeiten fokussieren eine Vermittlung zwischen Lacan’scher Psychoanalyse, hegelianischer Philosophie und marxistischer Kritik.

Lucas Pohl (*1989) ist Humangeograph und arbeitet derzeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Stadt und Raumtheorien, Urbane Politische Ökologie und Psychoanalytische Geographien.

Was heißt es heute, Lacan zu lesen?

Subjektivität und Andersheit geht von der Prämisse aus, dass Lacan als »paradox systematischer Denker« gelten muss, der uns sein Werk in der offenen Form eines work in progress hinterlassen hat. Als ein solches verlangt es eine minutiöse Lektüre, die sich den Brüchen und – endlich auch – der Systematik von Lacans Theorie des Subjekts stellen muss. Gemäß dieser Theorie muss Subjektivität, so der Autor, ins Verhältnis zu der für sie konstitutiven Andersheit gesetzt werden.

            Dabei wird im Durchlauf von Lacans psychoanalytischer Lehre eine philosophische Grundthese erkennbar: Das von der Sprache gespaltene Subjekt, das ein Problem mit seiner Sexualität hat, ist ein sprechendes Tier. Aus leicht anderer Perspektive gefasst: Freuds Ödipuskomplex, über den wir individuell in die Sprache eintreten, bildet die ontogenetische Form der Entstehung des Transzendentals und daher die unvollständige Weise, in der wir überhaupt erst zu menschlichen Tieren werden. Dies liefert die philosophische Lesbarkeit von Lacans Werk sowie den Rahmen, innerhalb dessen die Kategorien des Imaginären, Symbolischen und Realen begriffen werden müssen. Wie der Autor betont, kommt dabei, entgegen der lacanianischen Doxa, insbesondere dem Imaginären eine Schlüsselrolle zu, weil es bereits diese Ebene ist, auf der sich das menschliche Tier in seiner biologisch abweichenden Sexualität von anderen Tieren abhebt.           

LORENZO CHIESA
SUBJEKTIVITÄT UND ANDERSHEIT
Eine philosophische Lektüre Lacans

Mit  einem neuen Vorwort des Autors

Aus dem Englischen von Jan Philipp Weise und Moritz Herrmann

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            Als eine systematische und durch Klarheit bestechende Einführung gibt dieses Buch einen Leitfaden an die Hand, Lacans Werk selbst kennen zu lernen. Insofern erhebt es nicht den Anspruch, die eigene Lektüre Lacans zu ersetzen. Während Einsteigende also in diesem Buch eine Einführung finden, die ihnen wesentliche Grundbegriffe der Lacan’schen Psychoanalyse aufschlüsselt und darüber hinaus die nötige Orientierung liefert, sich dem Lacan’schen Text zu nähern, werden all jene, bereits mit Lacans Werk Vertrauten durch diese Arbeit dazu eingeladen, dieses neu zu entdecken und sich Fragen zu stellen, deren Antworten auch über die Grenzen dieses Buchs hinausführen. Für Chiesa selbst – und alle, die seine Herausforderung annehmen – bildet dieses Werk den Beginn einer noch anhaltenden Arbeit, die das fortsetzt, was Lacan uns offen hinterlassen hat.

Lorenzo Chiesa (*1976) ist Lecturer an der Newcastle University und lehrt darüber hinaus an der European Graduate School. Er arbeitet zurzeit zu einem Buch zu Bürokratie und Kapitalismus (MIT Press) sowie, gemeinsam mit Adrian Johnston, an einem Buch zu Agnostizismus und Atheismus (Northwestern University Press). Er ist außerdem Herausgeber der kürzlich eröffneten Reihe Insubordinations bei MIT Press, die sich Übersetzungen radikaler italienischer Denkerinnen des 20. Jahrhunderts widmet.

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